Texte zum Themas Achtsamkeit von Pasquale

 


Achtsamkeit 19

Zum Lehrstück Gleichberechtigung ist noch zu erwähnen, dass die seelenbefreienden Gespräche auch stattfinden, und zwar beim Karten spielen. Muss gelernt sein.

 

 

Abwaschen oder: Das Ende der Schwanentänze

 

Es ist doch so, dass die Moderne vieles verdrängt hat, was früher eine Selbstverständlichkeit gewesen ist. Oh, natürlich ist das keine Allerwelts-Erkenntnis, doch es gibt schon Dinge, die vergessen gehen. Dabei wären sie menschlich-existentielle Verrichtungen. Oh, nein ich meine nicht die heutzutage verpflichtende Bewegung zu den Ohren beim Einkaufen oder ÖV-Benutzung. Nein, ich meine die einmal systemrelevante - übrigens das Wort des Jahres - systemrelevante Abwaschen des Geschirrs nach einer Mahlzeit. Ja, ja. Richtig gelesen. Abwaschen war einmal systemrelevant, damals als es noch kein Wegwerfgeschirr gab. Ok, nicht zurück bis in die Steinzeit und vorwiegend auf unseren Kulturkreis bezogen. Aber dennoch systemrelevant und das bevor es zum Wort des Jahres gekürt worden ist, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte. Nicht Maskenpflicht, systemrelevant. Und nein, die Geschichte des untergehenden Patriarchats ist heute eine andere. Wobei es schon eine Ironie des Lebens ist - ich höre Euer Gelächter, ihr Götter - dass ausgerechnet klassische Frauenberufe als systemrelevant deklariert worden sind. Dazu gehörte eben auch das Abwaschen. Aber auch da gibt es ein wundervolles Lehrstück, dass man in der Soziologie als Kulturimperialismus bezeichnen würde. Ja, ja. Es ist eine andere Geschichte.

 

Aber ich erzähle sie jetzt trotzdem hier. Oder doch eher später.

 

 

 

Wie das so ist, als Puber-Tier und Secondo. Ich habe die Weisheit gefressen. Frauen sind unterdrückte Wesen. Mein Beitrag als Mann ist es der Gleichberechtigung zum Durchbruch zu verhelfen. Mit dieser Brille geht es in die Ferien nach Sizilien mit meinen zarten 14 Jahren. Wir sind bei meiner Tante einquartiert, meine Nonna wohnt auch dort. Wir sind im Dorf, gefühlte 45 Grad am Schatten. Die Männer seit morgen um 4 auf der Orangenplantage am Wässern. Die Frauen im Haushalt, auf den Mercato gehen, einkaufen für das Mittagessen, rund 20 Personen, da meine Götti mit Familie auch kommen. Ja, ja das waren noch Zeiten, als die ganze Sippe an einem Tisch sass. Und dann kam das übliche familiäre Bordello, so dass der Sohn nicht mehr mit der Mutter sprach und die Schwester die Strassenseite wechselte… aber das war Jahre später und eine andere Geschichte. Es ist also ein solcher heisser Tag. Ich bin unterwegs im Dorf. Bekanntschaften besuchen, dort ein Tratsch, dort ein Kaffee, eine Mandelmilch-Granita, ein Briosch. Mortadella, hauchdünn geschnitten im frischen Brötchen. Einfach das Leben geniessen, Ferien machen. Und die Frauen, inkl. meinen Schwestern am Mittagessen vorbereiten. Ist das Gleichstellung? Pff… Mittagessen. Die sizilianische Küche ist es wert in einer anderen Geschichte zu erzählen. Zurück zur Gleichstellung. 20 Personen, das ist fertig. Die Stimmung ausgelassen. Es wird gelacht, gewitzelt, provoziert, getrunken, umarmt. Und dann, die Gleichberechtigung. Frauen haben gekocht, also mache ich mich daran, den Abwasch zu machen. Stehe auch, beginne das Geschirr abzutragen. Es wird leiser. 39 Paar Augen schauen mich an. Ich ignoriere, balanciere mit einem Stapel Teller in die Küche und will anfangen abzuwaschen. Anfangen. Denn die Stimmung ist gefühlt gekippt. Meine Tante und meine Nonna kommen zu mir in die Küche und schmeissen mich raus. Autsch. Das ist unsere Arbeit, raus aus der Küche, Kaffee trinken. Ups. Ich werde unsanft aus der Küche herauskomplementiert. Aber ich wollte doch … Nichts da. Abwaschen ist nicht Sache der Männer. Ich verstehe die Welt nicht mehr, sitze an den Tisch, nehme ein Kaffee, die Stimmung wird wieder ausgelassen.

 

Gleichberechtigung? Puah, die geht hier anders, musste ich lernen. Da kann ich nicht mit meinen schweizerischen Vorstellungen aufkreuzen. Das nehmen sie persönlich. Gleichberechtigung am Abwaschen? Nun, die zweite Lektion folgte noch am selben Tag. Mein Onkel, wohlverstanden einer der wichtigen, sehr wichtigen Leute im Dorf… oh Moment. Das muss noch gesagt werden. Die Geschäfte werden am Abend auf der Piazza gemacht. Nach dem Mittagessen folgt die Siesta und um ca. fünf Uhr versammeln sich die Männer auf der Piazza und zu geschäften. Ein existentieller Vorgang. Dort werden die Orangen ge- und verkauft. Zurück zu meinem Onkel. Ein sehr wichtiger Mann. Nach der Siesta macht er sich bereit, um auf die Piazza zu gehen. Frischer Anzug, weisses Hemd, frisch gelackte Schuhe, Krawatte. Jeden Tag frisch. Also, mein Onkel zieht sich an und macht sich auf den Weg zur Piazza. Kommt aber nur bis zur Haustüre. Dort steht meine Tante, begutachtet ihn und, und schickt ihn zurück. Das Hemd ist nicht frisch gebügelt. Wechseln. Und mein Onkel, ohne zu murren und knurren, dieser sehr, sehr wichtige Mann im Dorf, dreht sich um und geht sich umziehen. Nächster Versuch, das Haus zu verlassen. Meine Tante schaut ihn an und sagt: Morgen musst du einen neuen Gürtel kaufen. Und dann macht sie den Weg frei.

 

Gleichberechtigung? Es ist ein Lehrstück strikter Trennung zwischen privatem und öffentlichen Leben. Die Frau ist die Königin des Haushaltes. Und wehe, da kommt ein Mann und stellt dies in Frage, z.B. mit Abwaschen wollen. Und der Gürtel wurde am nächsten Tag gekauft.

 

 

 

Ok. Zurück zum Abwaschen, zu einer vergessenen systemrelevante Tätigkeit unserer Vorfahren.

 

Echt, jetzt?

 

Ja, abwaschen kann beziehungsfördernd und somit absolut entscheidend für das friedliche Zusammenleben, systemrelevant eben, sein. Das ist wie mit dem genetisch bedingten gemeinsamen Besuch der Toilette ... musste ich mich kürzlich belehren lassen. Da kann man ungestört tratschen. Stopp! Kein Chauvinismus. Ein Zitat einer Freundin. Ok, vielleicht ist es nicht gerade geschmackvoll Toilettenbesuch mit Abwaschen zu vergleichen. Tatsache ist aber, dass ich mit meinen langjährigen Lagerkocherfahrungen festhalten kann:

 

Erstens kann ich schneller Abwaschen als irgendjemand nachkommt mit Abtrocknen und zweitens während des Abwasch und Abtrocknen können wunderbare Beziehungsgespräche stattfinden, die Grundlage für eine friedliche Welt. Und ja, dieses kulturelle Erbe der Beziehungsarbeit ist verloren gegangen. Ein Grund für die mangelnde Kommunikationsfähigkeit heutiger Menschen. Autsch!

 

Aber das alles wollte ich gar nicht mitteilen, sondern über die Erfahrung des meditativen achtsamen Abwaschen. Also:

 

Da ist diese Schüssel, Blech, riesig gross, wunderbar viel Platz für Salat, nur sind wir keine Salatesser, aber das ist eine andere Geschichte,  gefüllt mit lauwarmen Wasser. Darauf schwimmen die weissen Resten der Sahne gleich alten, ehrwürdigen Schwänen, die ihre grau-braunen Jungen durch das mit Schokoladenreste, Spülmittel und Fettaugen aufgemischte Wasser schützend begleiten. Wunderbar anzusehen wie die grauen Entelein zu Schwänen werden. Sehr empfehlenswert, diese einmal über eine Jahr hin zu beobachten und begleiten. « E Schwan so wyss wie Schnee…» wauo … aber eine andere Geschichte.

 

In der durch den Schwingbesen aufgemischte Brühe bilden sich pfauenartige Spiralen auf der Oberfläche. Die Schwäne gleiten behutsam zur Mitte hin und drehen sich wie das alte Jahrmarkt-karussell mit den weissen Pferde um die Mitte. War immer der Ausgangspunkt der tollsten Chilbi in der Gegend. Sie begann immer mit viel Brauchtum. Das alte Karussell passte wunderbar. Usp, abgeschweift. Zurück zu den tanzenden Schwänen in der abzuwaschenden Salatschüssel.

 

Der Dampf des warmen Wassers vermischt sich mit den köstlichen Resten des Schoggi Mouse zu einem zauberhaften Duftgemisch, der im Hauch die kommende Gaumenfreude ankündigt, aktuell zur Kühlung zwischengelagert. Das grünlich rote Olivenölpaprika-Gemisch löst sich vom Löffel, welcher vorher die Marinade des rosa zarten Rindfleisches in die richtige Konsistenz gebracht hat.

 

Oliven-Paprika-Puder bringen Buntheit in den Schwanentanz, färben die rotierende Pfauenfeder grünlich rot. Drehe den Schwingbesen in die andere Richtung. Der Schwanenfamilie ist der Sturm zu viel. Sie verschwinden in der Resonanz der Spülmittelstrudel. Und jetzt noch der Currypulver behangene Löffel in die Sahne-Schokoladen-Paprika- Olivenöl-Kloake und die farbliche Komposition eines Blumenstrausses ist perfekt. Noch ein wenig die Ränder der Schüssel mit dem Schwamm streicheln, eine bunte Flutwelle auslösen, nachspülen und das erste saubere Geschirr behutsam zum Trocknen legen.

 

Jetzt begänne der Moment, der eben durch den Einzug der Modern verloren ging. Das frisch gebügelte und entfaltete Küchentuch – nach Hausregeln gefaltet und in den Schrank gelegt, ob wohl jeder Haushalt seine eigenen Regeln des Zusammenfaltens der Küchentücher hat?, eine Frage, der es zu einem späten Zeitpunkt nachzugehen gilt, also eine andere Geschichte - beginnt die Schüssel zu reiben, jeden Tropfen davon zu entfernen und das Gespräch beginnt. Zuerst über das leckere Essen und dann, das, frisch gewaschene Besteck in der Hand liegend, sprudelt von Lippen langsam, immer schneller werdend wie die tanzenden Schwäne, sprudelt es aus dem Mund heraus, was dich in diesen Tagen beschäftigte. Liebesgeschichten, Mobbing, Keilereien, den Tod des Hamsters, der Streit der Eltern, die schlechten Noten, der erste Kuss, deine beste Freundin, die Zicke und einfach alle die Geschichten, die dein Leben geschrieben hat. Zwischenzeitlich sind auch die Gabeln trocken, das Schöpfbesteck liegt bereit.

 

Das fast Beste zum Schluss, damit die Motivation erhalten bleibt. Die Wein- und Anderen Gläser. Und es sprudelt weiter und die Psychohygiene ist beinahe beendet, und da wird dir bewusst, trotz den ausstehenden Pfannen, der Abwasch ist auf jeden Fall vor dem Abtrocknen fertig. Es sind die Gläser. ...

 

Es sind die Gläser, die das Erzählen zum Höhepunkt bringen, denn da wird man sich bewusst, dass man die Wette Abtrocknen gegen Abwaschen verloren hat und man beginnt die Hemmung zu verlieren und erzählt was einem die Seele berührt und gegen jegliche hauswirtschaftlichen Logik, aber mit der Absicht, die Seele durch Sprechen zu öffnen, die Gläser am Schluss. Es ist die Reihenfolge, wann die Gläser eingesetzt werden. Guter Trick, nicht wahr? Zumindest bis Marie Einzug hielt. Seit diesem Zeitpunkt, ging die Ära einer systemrelevante Tätigkeit unserer Ahnen den Bach runter, geopfert auf dem Altar des vermeintlichen Haushaltsfortschritt. Und nicht nur das ging verloren. Nein, auch ein Zugang zur Kunst. Oder regt das je nach Menu bunte Farbengemisch in der grossen Salatschüssel nicht auch darüber an, verschiedene farbliche Kompositionen auf der Leinwand auszuprobieren oder den Gedanken an möglichen Geschichten zu entwerfen. Sei es ein Schwanentanz oder sei es die Zwiebelresten, die im Pelati roten Meer wie die Streitwagen des Pharaos verzweifelt gegen den Strudel schwimmen? Oder Sahneeisberge die Titanic-Kartoffelresten umringen bis sie unsichtbar werden? Oder der Mais-Kern, der wie die Kontiki sich im Gurken-Algen-Streifen festhängt? Und dann diese wunderbaren Gespräche? Die unterschiedlichen Öle, die sich zu einer schleimigen Masse mit dem Wasser vermengen, so dass der Untergang der Deep Water Orizon spürbar wird? Wundervoll der Geruch der sich mischenden Ingredienzen. Und wäre da nicht der Seifenduft, so könnte man geneigt sein, dass genau beim Abwaschen die Molekular-Küche erfunden worden ist. Und dann diese wunderbaren Gespräche über Gott, die Welt und die eigene Seelenbefindlichkeit. In der Tätigkeit liegt der Schlüssel zum zu öffnen.

 

Oh, natürlich auch sehr manipulativ. Gebe ich zu. Denn wie können Puber-Tiere eine Wette ausschlagen, 5:1 Abtrocknen gegen Abwaschen? Tja, der Trick funktioniert meistens.

 

Schade um das Ende des Abwaschs, der Schwanentänze.

 

 

 

PS

 

Zum Lehrstück Gleichberechtigung ist noch zu erwähnen, dass die seelenbefreienden Gespräche auch stattfinden, und zwar beim Karten spielen. Muss gelernt sein.

 

 

 

 



Bisher erschienene Texte von Pasquale 

Download
Achtsames Wäschehängen.pdf
Adobe Acrobat Dokument 77.8 KB